Programm September — Dezember 2010
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Karten an der Abendkasse

Eintrittskarten erhalten Sie bei uns nur an der Abendkasse – am Abend der Ver- anstaltung ab eine Stunde vor Beginn.

Mo | 13.9.2010 | HÖLTY-PREIS 2010

Wolfgang Herbst, maYa birken, Christian Friedrich Sölter, Henning Chadde, Tobias
Kunze, Johannes Weigel, A!nikó, Jan Egge Sedelies (Autoren/Slam-Poeten, Hannover)

Liebejauchzendes Geschmetter

Hölty neu aufgelegt

Am 16. September wird im Literaturhaus Hannover zum zweiten Mal der Hölty-Preis verliehen. Der Literarische Salon hat aus diesem Anlass Protagonisten der hannoverschen Lesebühnen eingeladen, sich mit dem Werk des wohl bekanntesten Dichters aus dem Göttinger Hainbund zu beschäftigen. Der hatte seine Dichterfreunde immer wieder aufgefordert, an seinen Strophen »zu feilen« und betont, dass er sich über Änderungen und Vorschläge zur Verbesserung seiner Gedichte freuen würde.

Man kann sich diesen Hainbund also als eine Art Schreibwerkstatt vorstellen und so auch in die Nähe zur kollektiven Idee der Lesebühnen rücken. Im Salon legen unsere Gäste auf vielfältige Art und Weise Ludwig Christoph Heinrich Hölty neu auf. Über den Umweg der Interpretation, der Assoziation und im Experiment des Fort- und Weiterschreibens seiner Lyrik wollen sie für Hölty werben und so nicht zuletzt auch zur Lektüre des Originals auffordern.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 20.9.2010 | LITERATURFEST NIEDERSACHSEN

Edo Popovic (Autor, Zagreb)

Mitternachtsboogie

Rock'n'Roll und on the road in Jugoslawien

Jugoslawien in den 80er Jahren: ein Land, das feststeckt zwischen den feindlichen Systemen, das kurz vor dem Umbruch steht und nicht weiß, wie seine Zukunft aussieht. Genau wie seine Jugend, die sich nicht anpassen will und das Leben zu einer rauschhaften Party macht. Mitternachtsboogie ist der Debütroman von Edo Popovic. Sein Kultbuch von 1987 erscheint jetzt endlich auch auf deutsch.

Für DAS FEST - Motto vom Literaturfest Niedersachsen - und für uns schlägt der Autor es also noch einmal neu auf. Inzwischen weit bekannt für seine schonungslosen Romane und Reportagen über den Krieg in Kroatien und die Zustände im heutigen Zagreb, stürzt sich Popovic noch einmal in das wilde Fest der eigenen Jugend und entfacht das Feuer seiner glücksuchenden Sprachgewalt.

Die Lesung des deutschen Textes übernimmt sein Freund Clemens Meyer, dessen Debütroman Als wir träumten vom Leben einer Jugendgang im Leipzig der Wendejahre erzählte. Popovics Übersetzerin Alida Bremer dolmetscht das Gespräch, Matthias Nolte moderiert.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Vorverkauf:
www.literaturfest-niedersachsen.de
oder telefonisch unter 01805 - 62 78 37

Mo | 27.9.2010 | IN MEDIA RES

Martin Leidenfrost (Autor/Kolumnist, Devinska Nová Ves)

Brüssel zartherb

Couch-Surfing in der Metropole der Eurokraten

Invasion der Rollkoffer: Abgeordnete, Beamte, Kommissare, Lobbyisten, Assistenten, Praktikanten – rund fünfzigtausend Politpendler stricken in Brüssel die Regeln für fünfhundert Millionen Europäer. Zwei Drittel unserer nationalen Gesetze stammen aus ihrer Feder, wobei die Autoren freilich gesichtslos bleiben. Brüssel – das legislative Mahlwerk, die Standardisierungsmaschine, der hegemoniale Moloch? So lauten die Stereotypen der ewig Politikverdrossenen.

Wenn man aber ganz nah rangeht, was entdeckt man dann für einen »Look and Feel«? Als Couch-Surfer durchstreifte Martin Leidenfrost ein Jahr lang die europäische Hauptstadt. Er sondiert nicht nur das Milieu der professionellen Eurokraten, sondern trifft auch die Finnen in der Sauna, die afrikanischen Kieznachbarn, den albanischen Drogendealer und die bunte Truppe der Brüsseler Schaufensterhuren.

Scheinbar mühelos, mit der schwebenden Aufmerksamkeit des Flaneurs, gelingen ihm zauberhafte sozio- und ethnografische Portraits. Das Abstraktum Brüssel füllt sich mit Menschen und mit Leben. Und nun? fragt Eckhard Stasch.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 4.10.2010 | IN MEDIA RES

Tom Schimmeck (Journalist, Küsten)

Bad News zur vierten Gewalt

Medien zwischen Macht und Meinungsmachern

Erstaunlich einig waren sie sich in den letzten Jahren, all die Presse-Chefs und Edelfedern bei FAZ, Bild, Zeit oder Spiegel. In Büchern, Beiträgen und Kommentaren lautete ihre Analyse zum siechen (weil unflexiblen, staatsfixierten und vom Sozialneid zerfressenen) Zustand unseres Landes ziemlich unisono: Alles ganz schlimm hier!

Ihnen antwortet jetzt Tom Schimmeck mit seinem Buch Am besten nichts Neues. Er kommt zum selben Urteil, meint damit aber etwas ganz anderes: nämlich die üble Verfassung, in der sich die Medien selbst befinden. Er beschreibt den Druck, den branchenfremde Renditejäger ausüben, indem sie Redaktionen zu besseren Service-Büros eindampfen, die dann nur noch zusammenrühren (können), was ihnen PR-Leute, Pressestellen und Werbeagenturen auftischen: kaum getarnte Lobby-Häppchen oder Boulevard-Müll.

Schimmeck war Mitgründer der taz und später Spiegel-Redakteur; inzwischen arbeitet er frei – fürs Radio, SZ oder Zeit. Mit Jens Meyer spricht er über eine Zunft, die auf die Zumutungen ihres Berufsalltags mit einer Mischung aus Zynismus, Anpassung und Arroganz reagiert.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 11.10.2010 | IN MEDIA RES

Marcus Vetter (Regisseur, Tübingen)

Dagmar Quentin (Fundraiserin, Berlin)

Cinema Jenin

Ein Kino auf den Trümmern der Intifada

Als diesen Sommer das alte Kino in Dschenin im Westjordanland neu eröffnet wird, schließt sich ein Kreis. Gezeigt wird der Dokumentarfilm Heart of Jenin: Der Palästinenser Ismael Khatib verliert 2005 während der zweiten Intifada seinen zwölfjährigen Sohn durch Schüsse israelischer Soldaten und gibt dessen Organe zur Transplantation an israelische Kinder frei.

Die Medien erkennen die humanitäre Tragweite dieser Entscheidung und berichten, Marcus Vetter und sein Kollege Leon Geller greifen die Geschichte auf. Ihr mehrfach ausgezeichneter Film Das Herz von Jenin verschafft dem Versöhnungsimpuls Ismael Khatibs eine breite Ausstrahlung und setzt Phantasien frei: Knüpfte man hier an, was könnte nicht alles wieder entstehen?

Zum Beispiel ein Lichtspielhaus. In einer über Jahrzehnte zerfurchten und zerschossenen Konfliktregion ein gleichermaßen utopisches wie symbolträchtiges Vorhaben. Im Gespräch mit der Kulturpädagogin Steffi Krapf berichten der Regisseur und seine Fundraiserin über Film- und Kinoarbeit als Friedensarbeit.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 18.10.2010 | ATLAS DER LITERATUREN

Arnon Grünberg (Autor, New York/Amsterdam)

Böse Onkels in Lateinamerika

»Mitgenommen« ist Magischer Realismus minus Utopie

Ein kleines Mädchen wird vom Mörder ihrer Eltern mitgenommen, weil der selbst keine Kinder zeugen kann. Er wird nicht der Einzige bleiben, der Sina mitnimmt und sie so durch ein karges, hoffnungsloses Leben schickt. Arnon Grünbergs Roman heißt denn in der deutschen Ausgabe auch Mitgenommen, obwohl der holländische Titel Onze Oom (Unser Onkel) der dunklen Rätselhaftigkeit dieses Buches besser entspricht.

Wir befinden uns irgendwo in Lateinamerika, in einem langen Bürgerkrieg. Wer hier wofür steht, außer für die eigene Trostlosigkeit, Ohnmacht oder Einsamkeit, bleibt unklar. So unklar wie der »Onkel«. Ist er der sorgende, aber auch strafende Staat, wie für jenen Major, dessen Trupp Sinas Eltern tötet? Ist der Geist des Onkels überall und alles durchwirkend - wie für die todgeweihten Soldaten auf ihrer alptraumhaften Fahrt ins Rebellengebiet? Oder ist er bloß eine Totempuppe?

Arnon Grünberg, Jahrgang 1971, ist der zur Zeit wichtigste holländische Autor seiner Generation. Über seinen Magischen Realismus, dem er jede Hoffnung austreibt, spricht Grünberg mit der NDR-Autorin Ariane Wälzer.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 25.10.2010 | STUDIO ZEHN.ELF

Judith Zander (Autorin, Berlin)

Christian Lorenz Müller (Autor, Salzburg)

Heimatabend

Zur Topographie zweier Debütromane

Die Frage, welchem Thema sich junge Literatur zuwenden soll, wird gern gestellt. Meist heißt es, die Jungen sollten von etwas schreiben, das sie kennen, denn nur eigene Erfahrungen kann man auch gut beschreiben. Dieser literarischen Regel scheinen unsere Gäste in der Wahl des Sujets ihrer Debütromane zu entsprechen.

Judith Zander, in Anklam aufgewachsen, lässt in Dinge, die wir heute sagten Bresekow erzählen, das "karge Endlein der Welt", ein Kaff, verschüttet in der Landschaft Vorpommerns. Mit großer Sprachkraft berichten drei Generationen vom Leben in einem verschwiegenen Ort.

Christian Lorenz Müller hingegen ist in Rosenheim aufgewachsen. Ihn zieht es in Wilde Jagd folgerichtig in die Alpen. Er porträtiert zupackend und bildreich das karge Leben des Bergbauern Emmran, dessen scheinbar in Schweigen erstarrte Welt sich durch einen Unfall verändert.

Henning Ahrens, Autor des Provinzlexikons und Sohn eines Landwirts, moderiert und fragt nach der Bedeutung des Ursprungs und der literarischen Heimat.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Samstag | 30.10.2010 | NACHT DER WISSENSCHAFT

Sascha Lobo (Digitaler Bohemian/Autor, Berlin)
Doktorandinnen und Doktoranden aus Niedersachsen

Casino der Netzpioniere

Digitale Kultur und junge Wissenschaft

Sie forschen in so diversen Gebieten wie Reproduktionsmedizin, Quantenphysik, Regionalentwicklung und Religionsgeschichte. Und haben mindestens eines gemein: Der Umgang mit digitalen Tools und Ressourcen ist für sie Usus. Als Kinder in die wilden Wasser der Digitalen Revolution geworfen, wurden sie zur Generation der Netzpioniere und bilden heute den wissenschaftlichen Nachwuchs. Gemeinsam erörtern sie ihre Erfahrungen mit Digital Science und Leben 2.0.

Die literarische Steilvorlage liefert Sascha Lobo. Der wohl bunteste Hund der Netzkultur hat mit Strohfeuer einen so temporeichen wie klugen Roman vorgelegt: die rauschhafte Geschichte vom »Boom and Bust« einer Dotcom-Agentur.

Zum Ausklang dieser Nacht der Wissenschaft verteilt sich die illustre Expertenschar an die Lesetische im weiten Rund der Universitätsbibliothek und lädt ein zu einem Casino der Wissenswelten.

Ort:
Universitätsbibliothek auf dem Conti-Campus
Königsworther Platz 1 B | 5. Etage
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: frei

Mo | 1.11.2010 | ATLAS DER LITERATUREN

Ned Beauman (Autor, London)

Flieg, Hitler, flieg

Faschismus als ›Killing Joke‹ in der Popkultur

Ned Beauman wird nie langweilig. Er studiert in Cambridge, schreibt Kolumnen über Literatur, Musik und Graphic Novels. Und jetzt dieses Romandebüt: Boxer, Beetle, so der leisere Originaltitel, entfaltet ein Panoptikum von Abstrusitäten, Deformationen und Abscheulichkeiten, zusammengehalten durch die Jagd nach einem Käfer, den ein englischer Eugenik-Forscher in den dreißiger Jahren gezüchtet und in devoter Verehrung auf den Namen »Anophthalmus hitleri« getauft hat und für den heutige Sammler von Nazi-Devotionalien bereit sind, ein Vermögen aufzubieten, notfalls auch einen Auftragskiller.

Beaumans detailscharf durchkomponierte Erzählung erscheint an der Oberfläche als übermütige Pulp Fiction eines geistreichen Spinners. Bis man entdeckt, dass gerade die abstrusesten Elemente der Handlung nicht ausgedacht, sondern gründlich recherchierte Tatsachen sind.

Wo das Monströse schon aus dem Stoff hervorquillt, wird die Zote zum Befreiungsschlag, bemerkt die Literaturkritikerin Wiebke Porombka, die den Abend moderiert. Aus der deutschen Fassung liest Torsten Sense, unvergesslich als Synchronstimme von Agent Dale Cooper in der Serie Twin Peaks.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 8.11.2010 | Salon by Gartenheim!

Sighard Neckel, Claudia Czingon (Soziologen, Wien)

Strukturierte Verantwortungslosigkeit

Binnenansichten aus der Bankenwelt

Viel ist seit dem Herbst 2008 über die Bänker geredet worden, zumeist nicht viel Gutes. Eine Gruppe von Soziologen hat mit ihnen geredet, den Akteuren im Inneren der teuren Glashäuser. Wie erleben und deuten sie die Finanzkrise? Fühlen sie sich verantwortlich für das Debakel?

Aus Interviews an den Finanzplätzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz entstanden rund dreißig brillante Personenporträts, die ein repräsentatives Bild der branchentypischen Funktionen, Praktiken und Einstellungen zeichnen und zugleich einen historischen Moment dokumentieren: Die Bänker waren erschüttert, nachdenklich und gesprächsbereit. Für kurze Zeit öffnete sich das Visier aus Verschwiegenheit und PR-Sprech und gab den Blick frei auf eine Welt, deren Kompass systemrelevant verrückt spielt. Und deren Leitwissenschaft zu dem ganzen Spuk mit den Schultern zuckt und übersieht, dass Ökonomie etwas mit Handeln zu tun hat.

Das Gespräch mit den Soziologen sucht Eckhard Stasch.

Ort: Wohnungsunternehmen Gartenheim
Hildesheimer Str. 142
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 15.11.2010 | Salon by Gartenheim!

Ralf Husmann, Bora Dagtekin (TV-Drehbuchautoren, Köln/Berlin)

Uneingeschränkte Schirmherrschaft

Fernsehen gut schreiben: »Stromberg« und »Doctor's Diary«

Fernsehen hat einen schlechten Ruf; schließlich macht es dumm, dick und depressiv. Klingt unangenehm, wenn man dann fürs Fernsehen sogar arbeitet. Allerdings wirken der Kölner Ralf Husmann und der Berliner Bora Dagtekin doch eher aufgeweckt, schlank und gut gelaunt.

Das mag daran liegen, dass sie dem Medium nicht ausgeliefert sind, sondern es vielmehr höchst erfolgreich beliefern. Mit ihren Drehbüchern und Format-Ideen gewinnen die beiden TV-Autoren seit Jahren einen Fernsehpreis nach dem anderen. Das ist umso bemerkenswerter, weil sie sich mit Serien wie Stromberg (Husmann) oder Doctor's Diary (Dagtekin) ausgerechnet bei den vielgeschmähten Privatkanälen tummeln, und dort auch noch unter der Rubrik »Comedy«, wo sich eigentlich witzloseste Gedankenarmut mit stumpfsinnigstem Schenkelklopferhumor zu paaren weiß.

Ihre Erfolge auf dem Bildschirm haben den beiden Drehbuchschreibern inzwischen eine nahezu schrankenlose Freiheit bei ihren Sendern ermöglicht. Da bleiben sogar noch kreative Kapazitäten frei: Von Husmann ist mit Vorsicht vor Leuten gerade ein Buch erschienen, ebenso von seinem Kollegen Dagtekin mit Doctor's Diary.

Imre Grimm, Medien-Redakteur der HAZ, führt mit unseren Gästen ein Gespräch über Witz und Humor im Fernsehen, das zur Abwechselung mal über das übliche TV-Bashing hinausgehen soll.

Ort: Wohnungsunternehmen Gartenheim
Hildesheimer Str. 142
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 22.11.2010 | STUDIO ZEHN.ELF

Christiane Neudecker (Autorin, Berlin)

Das siamesische Klavier

Phantastische Erzählungen für Erwachsene

Als »Meisterin der Atmosphäre« (FAZ) gilt Christiane Neudecker seit ihrem Debütroman Nirgendwo sonst von 2008. Die Theaterregisseurin studierte an der »Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch« und gehört heute zum Berliner Künstlernetzwerk phase7 performing.arts, das weltweit multimediale Inszenierungen für Kultur und Wirtschaft realisiert. Literarisch indessen lotet Neudecker das Phänomen des Regieverlustes und die Grenzen der Identität aus.

So auch in Das siamesische Klavier, ihrem aktuellen Erzählband, der das Zwischenreich von Realität und virtueller Welt durchmisst. Neun Unheimliche Geschichten sind in dem Buch versammelt. Sie erzählen von dem winzigen Spalt, der sich in unserer aufgeklärten und hochtechnisierten Welt immer wieder auftut, wo diese doch auf die Ausdehnung von Herrschaft und Kontrolle gerichtet ist.

Neudecker zitiert Leitmotive der phantastischen Literatur und spielt virtuos mit den Mythen der Moderne und den medial vervielfachten Wirklichkeiten unserer Gegenwart. Matthias Nolte fragt nach den Möglichkeiten der Gothic Novel im Zeitalter von iPhone und Internet.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 29.11.2010 | STUDIO ZEHN.ELF

Alexander Osang (Autor, Berlin)

Auf Fluctin in Berlin

»Königstorkinder« am Rand der Mitte

Romane sind Dichtungen, die die vielen Wahrheiten des Lebens zu etwas Neuem zusammensetzen. Und man könnte hinzufügen: Je schärfer der Blick des Autors, desto besser für die Kunst.

Ein genaues Auge für seine Umwelt hat Alexander Osang ganz sicher. Immerhin ist er im Hauptberuf Reporter, und zwar einer der besten: In der DDR aufgewachsen, ist er seit den 90ern weit herumgekommen, und mit fast beiläufiger Selbstverständlichkeit hat er dabei die Preise seines Genres gewonnen, allein den Kisch-Preis gleich dreimal. So scheint immer auch der Reporter im Romancier Osang durch, zum Vorteil für seine literarische Arbeit.

In Königstorkinder hat sich Osang dem Berlin der Jetztzeit zugewandt, das im Roman trotz aller Literarisierung erschreckend erkennbar bleibt. Die Stadt ist längst wieder zweigeteilt: In der gentrifizierten schicken Welt am Königstor lebt Ulrike, die Frau mit dem hellblauen Sommerkleid; schräg gegenüber simuliert eine Hartz-Projektagentur für Andreas Hermann einen Arbeitsplatz. Die beiden verlieben sich, und was sie verbindet, das trennt sie zugleich - ein dunkles Gefühl der Erschöpfung durch das Leben und die täglichen Pillen, über die man nicht spricht.

Jens Meyer fragt nach besseren Therapieformen für Berlins Neue Mitte.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 6.12.2010 | KULTURPHÄNOMENE

Ulrich Raulff (Kulturhistoriker, Marbach)

Carola Groppe (Erziehungswissenschaftlerin, Hamburg)

Hundert Jahre Geheimes Deutschland

Die kulturelle Sendung des George-Kreises

Diesem Gegenstand haftet etwas Museales an. Wessen Bildungsbiografie nach 1968 begann, der konnte Stefan George schadlos ignorieren. Auf der Schublade mit seinem Vermächtnis stand in dicken Lettern: unzeitgemäß, abgestanden, mega out. Zwischenzeitlich am Nullpunkt der Öffentlichkeit angelangt, bleibt Georges dichterisches Œuvre wohl endgültig versunken, aber sein Lebensbild und seine Wirkung auf die Zeitgenossen erfahren aktuell ein verblüffend reges Interesse.

In den durchgehend umfangreichen Studien begegnet man einem mit Sprachgefühl, Sendungsbewusstsein und Bauernschläue ausgestatteten geselligen Egomanen, der zu Lebzeiten einen erheblichen Kultstatus erlangte und noch die klügsten Köpfe elektrisierte. Insbesondere der engere George-Kreis bleibt ein schillerndes Faszinosum, jene esoterisch, kultisch und erotisch aufgeladene Schar von Männern, die sich im Bannkreis des Meisters zur Vorhut eines neuen Reiches erhoben fühlten.

Spiegelbildlich haben unsere beiden Gäste diesen Faszinationskomplex nachgezeichnet: Carola Groppe für die Lebenszeit Georges, Ulrich Raulff für das Nachleben des Kreises. Mit zwei profunden George-Kennern besichtigt Eckhard Stasch die Leuchtspur eines kulturellen Kosmos, die vor hundert Jahren in eine deutsche Renaissance des Geistes führen wollte und deren fernes Nachleuchten zwischen Zauber und Schauder oszilliert.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR

Mo | 13.12.2010 | KULTURPHÄNOMENE

Wilhelm Heitmeyer (Soziologe, Bielefeld)

Angst fressen Mitte auf

Die Studie »Deutsche Zustände« misst einen nervösen Puls

Zum Wesen demokratischer Gesellschaften gehört vor allem der Umgang der Mehrheit mit den jeweiligen Minderheiten. Wie gut es um die gelebte gesellschaftlich-solidarische Toleranz wirklich bestellt ist, lässt sich leider schwer erkennen. Da ist es hilfreich, über lange Zeit und auf breiter empirischer Grundlage einer ganzen Nation den soziologischen Puls zu messen. Um dadurch festzustellen, wie besonders in der sogenannten »Mitte der Gesellschaft« über das Zusammenleben in Deutschland nachgedacht wird.

Wilhelm Heitmeyer untersucht all das an seinem Bielefelder Institut seit 2002, seither veröffentlicht er die Ergebnisse seiner Langzeitstudie in den Suhrkamp-Bänden Deutsche Zustände. Zuletzt und im Gefolge der Finanz- und Wirtschaftskrise hatten Heitmeyer und sein Team besonders in den Mittelschichten starke Verunsicherungen ausgemacht, die sich in zunehmenden Abgrenzungsbestrebungen zu sozial schwächeren Gruppen äußerten. Glücklicherweise – und im Gegensatz zu anderen Ländern Europas – würden in Deutschland die vorhandenen Ängste, der vielfach konstatierte Schrumpfungsprozess und die sprichwörtliche Überforderung der Mittelschicht allerdings noch nicht rechts-populistisch abgeschöpft, so Heitmeyer.

Ob das so bleiben wird, darüber spricht der Soziologe mit Jens Meyer anhand der jüngsten Zahlen und Befunde für das zu Ende gehende Jahr 2010.

Ort: Conti-Hochaus, 14. Etage
Königsworther Platz 1
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: 7 EUR / 5 EUR