Als Lichtgestalt trat Barack Obama auf die politische Bühne und die Welt lag ihm zu Füßen. Sie dürstete angesichts von Klimawandel, Wirtschaftskrise und Krieg nach Hoffnung. Der Taumel der Obamania ergriff auch noch das Nobelpreis-Komitee und es hängte dem jungen Präsidenten einen schweren Kranz aus Vorschusslorbeeren um den Hals.
Als Versöhner und Visionär angetreten, den Amerikanischen Traum zu erneuern, traf Obama auf die Abwehrfront einer paranoid aufgeladenen, vitriolgetränkten Tea-Party-Bewegung. Heute steht er als gefesselter Riese da und blickt endgültig auf die Mühen der Ebene. Enttäuschung macht sich breit, doch ist sie begründet?
Die Politologin Christiane Lemke hat den Aufstieg Obamas und seine bisherige Präsidentschaft intensiv verfolgt. Die legendäre Wahlnacht im November 2008 kommentierte sie als Expertin im ARD-Studio in Washington. Derzeit bekleidet sie den Max-Weber-Lehrstuhl an der New York University. Auf Kurzbesuch in Hannover berichtet sie im Gespräch mit Eckhard Stasch über das aktuelle politische Klima in den USA und die Sisyphusarbeit der Reformpolitik.
Von KARL-LUDWIG BAADER
In vierzig Jahren könnte ein Schwarzer Präsident werden. Als Robert Kennedy kurz vor seiner Ermordung 1968 diese Möglichkeit in Erwägung zog, reagiert die amerikanische Öffentlichkeit verstört, ein großer Teil, nicht nur im Süden, aufgebracht. Christiane Lemke, die damals als Austauschschülerin die extremen Rassenkonflikte erlebt hatte, hätte sich das damals auch nicht vorstellen können. Mit diesem Beispiel unterstrich die hannoversche Politologin und USASpezialistin, die derzeit in NewYork lebt und lehrt, im Literarischen Salon der Uni Hannover die epochale Bedeutung der Wahl Barack Obamas.
Befragt von Eckhard Stasch versuchte sie, manche hierzulande kursierenden Einschätzungen der amerikanischen Lage zurechtzurücken. Sie teilt nicht die Vorstellung, dass es in den Vereinigten Staaten eine kulturelle Hegemonie der Republikaner gebe, auch wenn die rechtspopulistische Tea-Party-Bewegung mit ihrer religiös motivierten Gegnerschaft zu Schwulen großen Einfluss ausübt. Umfragen zeigten eher, dass die amerikanische Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten toleranter geworden sei – wobei Lemke auf die großen regionalen Unterschiede hinwies. Und bei aller Hetze und Diffamierung, die in den harten Auseinandersetzungen üblich geworden seien, gelte, anders als früher, offener Rassismus nicht mehr als legitim. Sie warnte auch davor, die amerikanische Politik mit unseren Maßstäben oder Begriffen zu beschreiben. So sei Obama keineswegs ein „Sozialdemokrat“ oder ein „Linker“, sondern ein pragmatischer und ein sehr „eigensinniger“ Politiker.
Die Politikwissenschaftlerin zeigte sich beeindruckt von Obamas Persönlichkeit, seiner Intelligenz, seiner rhetorischen Brillanz und seinem politischen Instinkt. Gewonnen habe er die Wahl gerade auch deshalb, weil er darauf verzichtet habe, „die schwarze Karte“ zu spielen. Obama habe dagegen auf Sachfragen gesetzt, aber dieAmerikaner auch mit seiner religiösen Symbolik und Metaphorik angesprochen.
Den hohen Erwartungen folgten die großen Enttäuschungen. Für Lemke ist die Substanz von Obamas Reformen „sehr dünn“. Er habe die rechtlichen Probleme und den Widerstand gegen die Auflösung von Guantanamo unterschätzt. Da die Republikaner die Gesundheitsreform zu einer Machtprobe gemacht hätten, konnte auch nur eine verdünnte Version des ursprünglichen Reformvorhabens durchgesetzt werden. Eine politische Bilanz zu ziehen wäre laut Lemke allerdings verfrüht. Sie hält – gerade nach dem spektakulären Tod Osama bin Ladens – eine Wiederwahl Obamas für möglich. In einer zweiten Amtszeit habe er die Chance zu zeigen, „ob er wirklich historische Größe hat“.